Wer bestimmt den Blutbedarf?
Warum der Blutbedarf nicht vom Blutspendedienst festgelegt wird – und wie die versorgungsorientierte Blutversorgung funktioniert
Blutspenden retten Leben. Diese einfache Wahrheit steht hinter jeder einzelnen Blutentnahme, jeder Testung und jeder Auslieferung von Blutpräparaten. Doch wie viel Blut wird eigentlich benötigt? Wer legt fest, wann welche Blutgruppe gebraucht wird? Und warum sprechen wir beim DRK-Blutspendedienst West bewusst von einer versorgungsorientierten Arbeitsweise?
Die kurze Antwort lautet: Weil wir Teil der medizinischen Versorgungskette sind – und nicht deren Taktgeber.
Medizinischer Bedarf entsteht nicht bei uns, sondern in den Kliniken
Der Bedarf an Blutpräparaten wird ausschließlich dort bestimmt, wo sie eingesetzt werden: in Krankenhäusern. Ärztinnen und Ärzte entscheiden auf Basis konkreter medizinischer Indikationen, ob und welche Blutprodukte notwendig sind. Dazu zählen unter anderem:
- akute Notfälle wie schwere Unfälle oder innere Blutungen
- komplexe Operationen, etwa in der Herz-, Gefäß- oder Tumorchirurgie
- Krebstherapien, bei denen Blutbildungsprozesse beeinträchtigt sind
- chronische Erkrankungen, die regelmäßige Transfusionen erfordern
Diese Entscheidungen sind individuell, tagesaktuell und häufig nicht planbar. Weder der DRK-Blutspendedienst noch einzelne Kliniken können im Voraus exakt bestimmen, wie viele Blutkonserven morgen oder in zwei Wochen benötigt werden. Wir reagieren daher auf gemeldete Bedarfe – nicht umgekehrt.
Was „versorgungsorientiert“ konkret bedeutet
Versorgungsorientiertes Arbeiten heißt: Wir richten unser gesamtes Handeln an der sicheren, kontinuierlichen und bedarfsgerechten Versorgung der Patientinnen und Patienten aus. Nicht an Zielzahlen, nicht an Lagerbeständen „auf Vorrat“, sondern an realen medizinischen Anforderungen.
Das umfasst mehrere Ebenen:
- Transparente Bedarfsrückmeldungen der Kliniken
Krankenhäuser melden regelmäßig ihren aktuellen und prognostizierten Bedarf. Diese Daten sind die Grundlage unserer Planung. - Dynamische Spendeplanung
Auf dieser Basis steuern wir Blutspendetermine regional und zeitlich angepasst. Wenn bestimmte Blutgruppen knapp werden, informieren wir gezielt und werben differenziert – nicht pauschal. - Verantwortungsvoller Umgang mit einem begrenzten Gut
Blut ist nur begrenzt haltbar. Erythrozytenkonzentrate beispielsweise maximal 42 Tage. Eine Überproduktion würde zwangsläufig zu Verfall führen – ethisch wie wirtschaftlich nicht vertretbar!
Versorgungsorientierung bedeutet also auch: Maß halten, vorausschauend planen und dennoch flexibel bleiben.
Warum wir den Bedarf nicht „hochrechnen“ oder selbst festlegen
Immer wieder entsteht der Eindruck, der Blutspendedienst könne den Bedarf einfach festlegen oder durch großzügige Sicherheitszuschläge absichern. Das ist weder fachlich sinnvoll noch systemisch möglich.
- Medizinische Entscheidungen sind nicht standardisierbar.
Jeder Patient, jede Operation, jede Therapie ist individuell. - Gesundheitssysteme unterliegen starken Schwankungen.
Grippewellen, Hitzesommer, Ferienzeiten oder Großschadenslagen verändern Bedarfe kurzfristig. - Blutpräparate sind keine Lagerware.
Sie lassen sich nicht langfristig bevorraten wie Medikamente oder Verbrauchsmaterial.
Würden wir den Bedarf selbst definieren, liefen wir Gefahr, an der medizinischen Realität vorbeizuplanen – mit der Folge von Engpässen an der falschen Stelle und unnötigem Verfall an anderer.
Die Rolle der Blutspenderinnen und Blutspender
Für Spenderinnen und Spender bedeutet dieses System vor allem eines: Ihre Spende wird gezielt eingesetzt. Niemand spendet „ins Leere“. Jede Blutspende ist Teil eines fein austarierten Versorgungssystems, das auf Vertrauen, Verlässlichkeit und Mitwirkung basiert.
Gleichzeitig erklärt die versorgungsorientierte Arbeitsweise auch, warum wir manchmal sehr dringend um bestimmte Blutgruppen bitten – und zu anderen Zeiten weniger Termine anbieten. Beides folgt keinem Zufall, sondern der Verantwortung gegenüber Patientinnen und Patienten.
Unser Auftrag: Sicher versorgen, nicht steuern
Der DRK-Blutspendedienst West versteht sich als verlässlicher Partner der Kliniken und als Treuhänder der Blutspenden. Unser Auftrag ist es nicht, medizinische Bedarfe zu definieren, sondern sie sicher, qualitativ hochwertig und jederzeit nachvollziehbar zu decken.
Versorgungsorientierung ist daher kein abstrakter Begriff, sondern Ausdruck unseres Selbstverständnisses:
Wir arbeiten für Menschen, deren Bedarf oft plötzlich entsteht – und für Spenderinnen und Spender, deren Engagement wir mit größtmöglicher Verantwortung einsetzen.
So entsteht aus freiwilliger Hilfe eine tragende Säule der medizinischen Versorgung.
FAQ: Blutbedarf, Blutspende und versorgungsorientiertes Arbeiten
Wer legt fest, wie viel Blut benötigt wird?
Den Bedarf an Blutpräparaten bestimmen ausschließlich die Krankenhäuser. Ärztinnen und Ärzte entscheiden im konkreten Behandlungsfall, ob und welche Blutprodukte medizinisch notwendig sind. Der DRK-Blutspendedienst West reagiert auf diese gemeldeten Bedarfe und stellt die Versorgung sicher.
Warum kann der Blutspendedienst den Bedarf nicht selbst planen?
Medizinische Bedarfe sind nicht verlässlich vorhersehbar. Notfälle, Operationen, schwere Erkrankungen oder Therapieänderungen entstehen oft kurzfristig. Der Blutspendedienst kann diese Entscheidungen nicht vorwegnehmen, sondern muss flexibel auf sie reagieren.
Was bedeutet „versorgungsorientiertes Arbeiten“ konkret?
Versorgungsorientiert zu arbeiten heißt, Blutspenden genau in dem Umfang zu sammeln, der für die sichere Patientenversorgung benötigt wird – nicht mehr und nicht weniger. Ziel ist eine stabile Versorgung ohne unnötigen Verfall von Blutpräparaten.
Warum wird manchmal dringend zu Blutspenden aufgerufen und manchmal weniger?
Der Bedarf schwankt. In Ferienzeiten, bei Krankheitswellen oder erhöhtem Unfallgeschehen steigt er häufig an, während gleichzeitig weniger Menschen spenden. Dann werden gezielt Spenderinnen und Spender bestimmter Blutgruppen angesprochen. Sinkt der Bedarf, reduzieren sich auch die Spendetermine.
Warum kann Blut nicht einfach auf Vorrat gelagert werden?
Blutpräparate sind nur begrenzt haltbar. Rote Blutkörperchen beispielsweise maximal 42 Tage, Blutplättchen sogar nur wenige Tage. Eine Überproduktion würde dazu führen, dass wertvolle Spenden ungenutzt verfallen – das wäre weder verantwortungsvoll noch im Sinne der Spenderinnen und Spender.
Was passiert mit meiner Blutspende?
Jede Blutspende wird sorgfältig untersucht, aufbereitet und gezielt an Krankenhäuser ausgeliefert, die aktuell Bedarf haben. Blut wird nicht „auf Halde“ produziert, sondern Teil eines abgestimmten Versorgungssystems.
Warum sind bestimmte Blutgruppen häufiger knapp?
Manche Blutgruppen werden häufiger benötigt oder können nur eingeschränkt ersetzt werden. Gleichzeitig kommen sie in der Bevölkerung seltener vor. Deshalb bitten wir Spenderinnen und Spender bestimmter Blutgruppen manchmal besonders dringend um Unterstützung.
Wie kann ich als Spenderin oder Spender helfen?
Die wichtigste Hilfe ist regelmäßiges Blutspenden. Wer flexibel bleibt, auf Spendenaufrufe reagiert und Termine wahrnimmt, unterstützt eine stabile Versorgung – gerade dann, wenn der Bedarf steigt.
Warum ist Vertrauen so wichtig im Blutspendesystem?
Blutspende basiert auf freiwilligem Engagement. Versorgungsorientiertes Arbeiten stellt sicher, dass jede Spende sinnvoll eingesetzt wird. Das schafft Vertrauen – bei Spenderinnen und Spendern ebenso wie bei Patientinnen, Patienten und Kliniken.

