75 Jahre DRK-Blutspendedienst West
Pionier der flächendeckenden Blutversorgung in Deutschland
Als der DRK-Blutspendedienst West vor 75 Jahren seine Arbeit aufnahm, befand sich Deutschland in einer Phase des grundlegenden Wiederaufbaus – medizinisch, gesellschaftlich und organisatorisch. Krankenhäuser arbeiteten unter schwierigen Bedingungen, moderne Versorgungsstrukturen existierten kaum, und Blutkonserven waren vielerorts nicht verfügbar. Operationen mussten verschoben werden, lebensrettende Behandlungen scheiterten häufig an fehlenden Ressourcen.
Mit dem Aufbau des Blutspendedienstes begann eine Entwicklung, die das Gesundheitswesen nachhaltig verändern sollte. Er war der erste Blutspendedienst Deutschlands, der systematisch eine organisierte, flächendeckende Versorgung mit Blutpräparaten etablierte. Damit entstand ein Modell, das später bundesweit prägend wurde und bis heute die Grundlage für eine gesicherte und sichere Blutversorgung bildet.
Was damals als unmittelbare Hilfe in einer Zeit akuter Not begann, ist heute eine unverzichtbare Säule moderner Medizin.
„Die Blutspende war von Beginn an ein Versprechen: Niemand soll aus Mangel an Blut leiden oder sterben müssen“, sagt Priv.-Doz. Dr. Dr. Lambros Kordelas, Ärztlicher Geschäftsführer des DRK-Blutspendedienstes West. „Dieses Versprechen gilt bis heute – und es ist aktueller denn je.“
Vom Improvisieren zur Hochleistungsmedizin
In den Anfangsjahren war Blutspende vor allem Improvisation: einfache Ausrüstung, begrenzte Testmöglichkeiten und ein hoher organisatorischer Aufwand bestimmten den Alltag. Blut wurde häufig erst dann beschafft, wenn ein akuter Bedarf entstand. Der DRK-Blutspendedienst West veränderte dieses Prinzip grundlegend, indem er regelmäßige Spendetermine, standardisierte Abläufe und zentrale Verarbeitung etablierte.
Mit der Entwicklung moderner Transfusionsmedizin wuchs auch die Bedeutung der Blutspende kontinuierlich. Heute sind Blutpräparate unverzichtbar für:
- Krebstherapien und Stammzellbehandlungen
- komplexe chirurgische Eingriffe
- Organtransplantationen
- die Versorgung schwerverletzter Unfallopfer
- die Behandlung von Früh- und Neugeborenen
„Wir können heute Krankheiten behandeln, die vor 75 Jahren ein Todesurteil darstellten“, erklärt Dr. Kordelas. „Doch viele dieser Therapien funktionieren nur, weil Blutkomponenten Patientinnen und Patienten stabilisieren und begleiten können.“
Blutspenden sind damit kein Relikt früherer Medizin, sondern eine Grundvoraussetzung für die Leistungsfähigkeit des modernen Gesundheitswesens.
Bewährungsproben und Fortschritte in der Sicherheit
Die Geschichte der Blutspende ist zugleich eine Geschichte des Lernens aus Krisen. Besonders die HIV-Infektionen durch Blutprodukte in den frühen 1980er-Jahren markierten einen tiefen Einschnitt für die Transfusionsmedizin weltweit. Vertrauen musste neu aufgebaut werden.
Die DRK-Blutspendedienste spielten eine zentrale Rolle bei der Einführung deutlich verschärfter Sicherheitsstandards. Neue Testverfahren, verbindliche Qualitätsrichtlinien und engmaschige Kontrollen wurden konsequent umgesetzt. Der DRK-Blutspendedienst West gehörte zu den treibenden Kräften bei der Implementierung der PCR-Testung in der Blutspende ebenso wie bei der systematischen Entfernung weißer Blutkörperchen aus den Spenden oder der Testung auf Antikörper gegen weiße Blutkörperchen zur Vermeidung einer transfusionsbedingten Lungeninsuffizienz – alles entscheidende Schritte hin zur heute erreichten hohen Sicherheit von Blutprodukten in Deutschland. In der sogenannten EHEC-Krise im Jahr 2011 waren es die tragfähigen Strukturen der DRK-Blutspendedienste, die den großen Bedarf an therapeutischem Plasma in ganz Deutschland zu jeder Zeit und an jedem Ort überhaupt erst ermöglichten.
Auch die Corona-Pandemie in den Jahren 2020 und 2021 stellte die Versorgung mit Blutpräparaten vor bislang unbekannte Herausforderungen. Kurzfristige Terminabsagen, Verunsicherung in der Bevölkerung und organisatorische Einschränkungen trafen auf einen konstant hohen Bedarf der Kliniken. Innerhalb kürzester Zeit mussten neue Hygienekonzepte, Terminsteuerungen und Kommunikationswege etabliert werden, um die Versorgung stabil zu halten.
Diese Erfahrungen haben die Arbeit nachhaltig geprägt: Sicherheit, Qualität und Krisenfestigkeit sind heute stärker, denn je zentrale Leitprinzipien.
Demografischer Wandel als neue Herausforderung
Während medizinische Möglichkeiten wachsen, verändert sich gleichzeitig die gesellschaftliche Grundlage der Blutspende. Der Bedarf an Blutpräparaten steigt mit einer älter werdenden Bevölkerung kontinuierlich an. Gleichzeitig sinkt die Zahl aktiver Spenderinnen und Spender.
„Jede Generation braucht ihre eigenen Blutspenderinnen und Blutspender“, betont Dr. Holger Praßel, Kaufmännischer Geschäftsführer des DRK-Blutspendedienstes West. „Die Generation der Babyboomer, die die Versorgung jahrzehntelang getragen hat, scheidet zunehmend aus. Jüngere Menschen leben mobiler, haben mehr Optionen und konkurrierende Engagementformen. Das spüren wir konkret – bis hin zu Phasen, in denen die Versorgung zeitweise unter Druck gerät.“
Damit verschiebt sich die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre: weniger medizinisch-technisch, sondern gesellschaftlich.
Innovationen für eine stabile Zukunft
Der DRK-Blutspendedienst West reagiert auf diese Veränderungen mit Innovationen in Organisation, Infrastruktur und Technologie. Ziel ist es, Blutspende niedrigschwellig in den Alltag zu integrieren und gleichzeitig die Versorgung langfristig abzusichern.
Zu den wichtigsten Entwicklungen zählen:
Neue Spendeformate:
Pop-Up-Blutspenden in urbanen Zentren erschließen neue Zielgruppen und bringen die Blutspende näher an Lebens- und Arbeitswelten jüngerer Menschen.
Moderne mobile Einheiten (Blumos):
Neue Fahrzeuggenerationen ermöglichen effizientere Abläufe, höhere Flexibilität und eine bessere regionale Präsenz – ein entscheidender Faktor in einer zunehmend mobilen Gesellschaft.
Digitalisierung und Telemedizin:
Angesichts eines spürbaren Nachwuchsmangels auch im ärztlichen Bereich werden telemedizinische Strukturen angestrebt, um ärztliche Expertise weiterhin flächendeckend verfügbar zu halten. Digitale Terminsteuerung, Datenverarbeitung und Spenderkommunikation verbessern zugleich Komfort und Effizienz.
Innovation bedeutet dabei nicht nur Technik, sondern auch neue organisatorische Antworten auf gesellschaftlichen Wandel.
Ehrenamt als Fundament seit 75 Jahren
Unverändert geblieben ist die zentrale Rolle des Ehrenamts in der Blutspende. Tausende Helferinnen und Helfer in DRK-Kreisverbänden und -Ortsvereinen organisieren Termine, sprechen Menschen persönlich an und schaffen Vertrauen vor Ort.
„Ohne das Ehrenamt gäbe es keine flächendeckende Blutversorgung“, sagt Dr. Praßel. „Die persönliche Ansprache und die Verwurzelung in den Kommunen sind bis heute ein entscheidender Erfolgsfaktor.“
Um dieses Engagement zu stärken, wurde ein eigenes Ehrenamtsportal eingeführt. Die digitale Plattform unterstützt Ehrenamtliche bei Organisation, Austausch und Qualifizierung und verbindet traditionelle Strukturen mit modernen Arbeitsweisen.
Jubiläum als Bilanz und Auftrag
75 Jahre DRK-Blutspendedienst West stehen für medizinischen Fortschritt, gesellschaftliche Solidarität und kontinuierliche Weiterentwicklung. Das Jubiläum ist daher weniger Rückblick als Standortbestimmung für die Zukunft.
„Wir arbeiten auf Basis von 75 Jahren Erfahrung, Verantwortung und Vertrauen“, sagt Dr. Kordelas. „Die medizinische Zukunft ist gesichert – sofern es uns gelingt, das Engagement der Menschen mit der medizinischen Entwicklung im Einklang zu halten. Blutspende bleibt eine Gemeinschaftsaufgabe.“
Die Geschichte des Blutspendedienstes zeigt: Versorgungssicherheit entsteht nicht allein durch Technik oder Organisation, sondern durch das Zusammenspiel von Wissenschaft, Engagement und gesellschaftlicher Verantwortung – damals wie heute.
Über den DRK-Blutspendedienst West
Der DRK-Blutspendedienst West versorgt die Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und im Saarland mit lebenswichtigen Blutpräparaten. Als erster Blutspendedienst Deutschlands baute er ab 1951 eine organisierte, flächendeckende Blutversorgung auf und prägt bis heute die Strukturen der Blutspende in Deutschland. Rund 1.200 Mitarbeitende sorgen gemeinsam mit tausenden ehrenamtlich Engagierten dafür, dass jährlich mehrere tausend Blutspendetermine durchgeführt und Kliniken und Arztpraxen zuverlässig versorgt werden.


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